Journal
09.05.2013
Holger Hof - "Zur Liebe kann man niemanden zwingen."
Zu den Briefen Gottfried Benns an Astrid Claes.
Netter Aufsatz, voyeuristische Interessen werden aber nicht unbedingt bedient. Wunderschöne Macho-/Macker-Zitate - wenn man sie als so etwas lesen will:
- Benn über die Briefe weiblicher Verehrerinnen: "Jetzt schreiben die Ladys: 'B[enn] liegt neben meinem Bett' - früher lag ich woanders...".[S.173]
- Benn 1925 über eine Freundin: "Da ist zunächst also Lola. Es hat sich alles so entwickelt, wie ich erwartete. Sie ist sehr, ja ausnehmend angenehm u. elegant gegliedert u. überzittert von Zügen der lettischen Leibeigenschaft: ganz Sclavin u. dem Gebieter hingegeben, nur behält sie die Augen während der Liebe auf u. das mag ich nicht. Im Übrigen wäre ich sie gerne wieder los, denn sie liebt mich bereits... Im Übrigen war Lola eine Jubiläums-nummer: Ich führe seit Kriegsausgang Protokoll, eine hübsche kleine Jubiläumszahl..."[S.174]
- Benn 1952: "Meine Frau ist verreist (Riccione, Adria) u. ich bewege mich auf freier Wildbahn."[S.176]
- Benn im "Roman des Phänotyp" über die Frage, ob man seine Triebe bekämpfen solle: "nicht ohne weiteres, das Bekämpfen schaffte Neurosen, setzt Spannungen, die sich nicht lohnen, Krisen, die voraussichtlich unproduktiv enden - man soll erleben und etwas Artifizielles daraus machen; wenn Bekämpfen dazu gehört, wenn es existenziell ist, wende man es an. Das Ziel ist die Herrichtung des Ichs zu einer durchlebten, geistig überprüften Form, zu einer Haltung, aus der interessiertes Entgegenkommen gegenüber fremdem Wesen und keine Furcht vor dem Ende spricht."[S.180]
- Benns Erwartung an die Korrespondenz mit Astrid Claes: "Allem Anschein nach hat er sich von der Korrespondenz mehr versprochen - mehr als diese drei Briefe, mit denen er hoffte, den Grundstein für den Beginn einer Affäre zu legen."[Holger Hof, S.184]
Der Aufsatz von Holger Hof steht in: "Gottfried Benns Modernität". Herausgegeben von Friederike Reents. Wallstein Verlag, Göttingen 2007
07.05.2013
Witiko - Es klang fast wie Gesang von Lerchen...
Das ist zumindest der Arbeitstitel des folgenden "Geschmiers", also der ersten Untermalung meines nächsten Ölbildes, welches die Piccolo-Deckblatt-Ergänzung zum vorherigen "Witiko" sein soll (vgl. 23.04.13). Wie Hansrudi Wäscher in seinen Comics muss ich jetzt noch eine zentrale Szene aus dem Anfang des ersten Witiko-Bandes malen, und das ist für mich die erste Begegnung von Witiko und seiner späteren Frau Bertha. Eine Freundin Berthas flieht vor Schreck und Angst, während Bertha ruhig und mutig stehenbleibt. Zwei Scribbles der geplanten Komposition schaden auch nicht...



25.04.2013
Partielle Mondfinsternis

Partielle Mondfinsternis vom 25.04.2013, 20h09UT bzw 22h09MESZ,
Canon IXUS 70 durch Feldstecher 11x80
23.04.2013
Ölbild "Witiko" - endlich fertig!

Witiko, Öl auf Malkarton, 2013
So lasse ich den Witiko, jetzt betrachte ich ihn endlich als fertig. Das Schwert musste doch noch schwarz umrandet werden, und auch der Mund sollte nicht so feminin erscheinen. Der Rest waren Mikro-Verbesserungen...
22.04.2013
Richard P. Feynman - "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!" John Walker's Fourmilab-Seiten gehören zu meiner Pflichtlektüre. Selten findet man so interessante Bücher so gut besprochen. Um nichts zu verpassen, beobachte ich die Seite mit "Google Reader" (leider ein auslaufendes Google-Produkt). Und Walkers Besprechung von "Quantum Man" von Lawrence Krauss verführte mich nun dazu, an die Lektüre dieses Bestsellers aus Feynmans eigener Feder zu gehen. Ich muss sagen: toll. Lies sich spannend und ist lehrreich. Am ersten Abend nach einem harten Arbeitstag bin ich immerhin bis zur Seite 128 gekommen.
Besonders interessiert haben mich seine (nicht-destruktiven) Experimente mit Ameisen - ich war ja mal Ameisen-Fan. Und dann erinnerte ich mich plötzlich daran, dass ich in der Schulzeit fasziniert von Elementarteilchen war, mehrere Bücher las, und viele "Feynman-Diagramme" abzeichnete, ohne zu wissen, dass sie diesen Namen hatten. Das muss so Ende der sechziger Jahre gewesen sein.
20.04.2013
Comix (33) 03/2013 - Nach der Lektüre muss man sich die Druckerschwärze von den Fingern waschen, die Papier- und Druckqualität erinnert an Comics der fünfziger Jahre - aber es ist eben eine Comic-Zeitung, folglich "Zeitungsdruck", und so ist die haptische und optische Inferiorität zu entschuldigen. Die "Comix" ist dicker geworden, teurer auch - wiewohl mit 3 Euro immer noch billig.
Ganz entschieden aufgewertet ist der redaktionelle Teil, was an der Einstellung der Comixene aus dem gleichen Verlag liegt: die Erbmasse des nicht mehr erschienenen Heftes 116 der Comixene wurde in Comix 03/2013 übernommen. Das ganze wirkt noch etwas unausgegoren: neben dem erstaunlich hochwertigen redaktionellen Teil (Erbmasse Comixene) können die abgedruckten Comic-Ausschnitte nicht so recht bestehen. Na, das wird sich noch einrenken.
16.04.2013
Ein Report über Laura Dekkers Vater: Dick Dekker. Ein wunderschöner Bericht aus dem Jahr 2006 über den Vater von Laura Dekker (auf "...Mehr anzeigen" gehen). Man versteht, wo Lauras Leidenschaft für das Segeln und die Natur und ihr unbändiger Freiheitsdrang herkommt. Unbedingt lesenswert!
Hier zwei Fotos von Dick Dekkers in Bau befindlichem großen Segelschiff. Auf einer google-maps-Karte ist es zu sehen, als es noch in Wijk bij Duurstede lag. Inzwischen liegt es ja bekanntlich in Den Osse (auf BING Satellite ist sogar noch Guppy neben Dicks Boot zu sehen).
14.04.2013
Julien Smith - The Flinch. Ein kostenloses ebook, erhältlich bei amazon. Ein Selbsthilferatgeber, um Blockaden zu überwinden, indem man sich seine Ängste bewusst macht und sie bekämpft - nicht der erste und nicht der letzte Ratgeber dieser Art, aber gut, weil ohne dumme Quasselei geschrieben. Natürlich wird darauf hingewiesen, dass man diese Weisheit nicht aus Büchern lernen kann - immer wieder schön, solche Hinweise in einem Buch zu lesen. Die maximal zwei Stunden, die es braucht, dieses in einem leichten Englisch verfasste Buch zu lesen, sind aber gut angewandt, ich hab's nicht bereut.
Julien Smith hat auf seiner Webseite einige Sätze zu seinem Buch geschrieben (er fasst sich gerne kurz und bündig). Die Webseite selber bietet so manches interessante - man kann natürlich auch "Schwamm drüber" sagen und sich lieber mit der Geschichte von Laura Dekker befassen, die es GESCHAFFT hat.
09.04.2013
Ölbild "Witiko" - fertig(?) Ich weiß es noch nicht, vielleicht werde ich als letzte Maßnahme das Schwert noch schwarz umranden. Viel Lust habe ich nicht, das Bild hat schon zu viele Stunden gekostet. Hansrudi Wäscher hätte es in einer halben Stunde gemacht, ich mache inzwischen bestimmt schon sechs Stunden daran herum. Die Hälfte der Zeit allerdings an der Schrift. Auch wenn sie auf dem Foto krumm aussieht - sie ist es nicht: Das ist die Verzeichnung der einfachen Digicam.
Die Kleidung Witikos besteht eigentlich aus hellem Leder, das hätte sich aber nicht deutlich genug von der Hautfarbe abgehoben. Künstlerische Freiheit am Werk...
Ich habe schon lange kein so kleines Bild gemalt - im direkten Vergleich mit mir sieht man, wie putzig das Bild ist. Es ist auch nicht auf Hartfaser gemalt, sondern auf Malkarton.
19.03.2013
Arbeit am neuen Ölbild "Witiko" Angeregt durch die Lektüre von Knigges "Wäscher"-Biographie und die Piccolo-Titelseiten von Hansrudi Wäscher habe ich - mehr zum Spaß - angefangen, in Art der Sigurd- oder Falk-Titelbilder ein Titelbild zu einem Witiko-Comic zu entwerfen. Den "Witiko" von Adalbert Stifter habe ich trotz seiner 800 Seiten in den letzten Jahren dreimal gelesen und bin drauf und dran, dieses Jahr die vierte Lektüre zu beginnen. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die das Zeug zu guten Panels haben. Nur schade, dass der Witiko so unbekannt ist - und ich kein Comic-Zeichner bin. Das hier ist ein Zwischenstand, gerade auch der Schriftzug muss noch viel deutlicher und klotziger kommen. Schwierig finde ich den Gesichtsausdruck von Witiko: Es ist kein verwegener Haudrauf wie Sigurd oder Falk, aber sein Schwert zu führen wusste er trotzdem.
18.03.2013
Roza Eskenazy - Mein süßer Kanarienvogel Roza Eskenazy (auch Eskenazi geschrieben) ist eine der berühmtesten Rembetika-Sängerinnen des letzten Jahrhunderts. Geboren ist sie vermutlich Mitte der 1890er Jahre in Konstantinopel, gestorben 1980 in ihrer Wahlheimat in einem Vorort Athens.
Roza Eskenazi ist mir zuerst auf einer Doppel-LP des Trikont-Verlags aufgefallen, "Fünf Griechen in der Hölle", einer sehr schönen Sammlung von Rembetika-Liedern verschiedener Sänger und Sängerinnen, die ich mir Anfang der achtziger Jahre zugelegt habe.

Roza Eskenazy
In den letzten Jahren habe ich meine Sammlung an Rembetika-Musik stark erweitert, und Roza Eskenazy gehört zu meinen Favoritinnen. Der 2008 von Roy Scher gedrehte Dokumentarfilm "My sweet canary" stand daher schon lange auf meiner Wunschliste, und heute habe ich ihn endlich einmal - in der deutschen Fassung - sehen können. Toll! Eine abwechslungsreiche Mischung aus zeitgenössischen Filmaufnahmen, aus Interview-Ausschnitten mit Zeitgenossem und - ganz allerliebst - ihrem Biographen Kostas Hatzidoulis, der mit vollem Körpereinsatz erzählt: ganz klasse seine Handarbeit... Daneben wird das Projekt einer zeitgenössischen Adaption von Rozas Liedern samt Auftritten verfolgt. Auch Yasmin Levy ist dabei zu sehen. Unbedingt sehenswert, meine ich.

Kostas Hatzidoulis erzählt
13.03.2013
Komet Panstarrs: Viel Hype gibt es um diesen Kometen - zu selten ist eben in Mitteleuropa (oder besser: unter mitteleuropäischen Bedingungen) ein mit blossem Auge sichtbarer Komet. Theoretisch ist das ja Panstarrs, praktisch war er das ja auch auf der Südhalbkugel. Bei uns ist das schwerer.
Sehr viel Mühe habe ich mir heute mit diesem Kometen gegeben, ihn sorgfältig mit einem 11x80-Feldstecher gesucht - nichts. Mitten aus Heidelberg heraus zu beobachten ist halt suboptimal. Immerhin hat es geklappt, ihn fotografisch nachzuweisen. Fünf Aufnahmen à 1 Sekunde Belichtungszeit bei Blende 1,4 mit 50mm Brennweite wurden addiert, und - na ja - man sieht immerhin, dass es ein Komet ist.

Komet Panstarrs, 13.03.2013, 18h48UT, 5x1sec, 1,4/50, Canon EOS450D
Der Ausschnitt ist in der Übersichtsaufnahme oben markiert.
Ende Dezember 2012 bis Mitte Januar 2013
Andreas C. Knigge "Allmächtiger. Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics." Schlägt man dieses dicke, 2,6 Kilogramm schwere, fast fünfhundertseitige Buch auf, entfährt einem fast auch der Ausruf "Allmächtiger!": Puh! Diese Zeichnungen haben einem vor fünfzig Jahren gepackt, fasziniert, haben zu Alpträumen und Reiseträumen geführt? Nun, tatsächlich zählten damals ja nicht die Zeichnungen: es waren die Geschichten, die Abenteuer. Und da ist Hansrudi Wäscher klasse. Die "Heftchen", wie die Piccolos bei uns Kindern damals hießen, waren verpönt, trotzdem gab es keine Probleme, einen regen Tauschhandel zu betreiben. Kaum jemand aus meinem Freundeskreis kaufte die Heftchen neu: Man tauschte, besuchte sich gegenseitig, und vor der Wohnungstür wurden schnell und zielstrebig die Schuhkartons mit den Schätzen durchwühlt und getauscht. Klar, dass es nicht einfach war, die sich teilweise über dutzende von Heften hinziehenden größeren Abenteuer am Stück zu lesen. Aber jedes Heftchen hatte sein eigenes kleines abgeschlossene Abenteuer (meist einen Kampf), und am Ende den Cliffhanger.
Andreas Knigge gehört zu den Comic-Päpsten in Deutschland und hat sich lange gegen Wäscher gesperrt. Für das Buch hat er laut eigener Aussage alles von Wäscher gelesen, täglich, von morgens bis nachts. [to be continued]
Mitte Dezember 2012 bis Januar 2013
Laura Dekker - Weltreise und Lebensreise
Von der geplanten Erdumseglung Lauras habe ich natürlich 2010 erfahren, auch ihre Querelen mit dem Jugendamt und der Justiz sowie ihre Flucht in die Karibik und ihre Rückbringung gingen genügend durch die Presse, um den Fall zu kennen. Damals interessierte mich das wenig: Für mich klang das alles nach einer reichen Göre, die schon mit 13 Jahren von "ihrer" Yacht sprechen konnte, und wenn es nicht nach ihrem Kopf ging, mal eben einige tausend Euro vom "eigenen" Konto abhebt und in die Karibik abhaut, um sich dort eine Yacht zu kaufen. Da kommt dann eher eine Art mißgünstiger Neid auf: Selber kann man sich keine Yacht leisten (wirklich nicht?), selber kann man nicht einfach mal in die Karibik abhauen (wirklich nicht?).
Vielleicht ist es ja eine Alterserscheinung, aber im Dezember war ich in einer etwas anderen Stimmung, und die Stimmen im Hinterkopf ("wirklich nicht?", "warum nicht?") wurden lauter. Es gab und gibt immer wieder Jugendliche, die enorme Leistungen auf unterschiedlichsten Gebieten bringen und unglaublich fokussiert auf Ziele sein können. Letztens Endes sind Jugendliche in unserem Kulturkreis ja künstlich infantilisiert, und Erfahrungen, wie sie Laura als Fünfzehnjährige auf den Kapverden machte (sie spielte mit gleichaltrigen "Mädchen" Fußball - aber diese "Mädchen" waren zum großen Teil schon Mütter und mussten ihre Kinder erstmal jemanden zum Beaufsichtigen geben) realisieren viele Erwachsene bei ihren Pauschal-Weltreisen nicht.
Ist der Beobachter - aus eigener Schuld - in einer Art Sackgasse und kann sich solche Unternehmen vor lauter Bedenken, aus Angst, aus Phantasielosigkeit nicht mehr vorstellen, entwickelt er oft aggressive Gefühle gegen Menschen die zeigen, dass man durchaus anders kann - wenn man nur will. Kann man sich wirklich keine Yacht leisten, wenn man gerne segeln will? Kann man wirklich nicht einfach in die Karibik abhauen, wenn es einem danach ist?
Wie auch immer: Auch mit Ende 50 muss man sich nicht schämen, wenn einem klar wird, dass ein vierzehnjähriges Mädchen Vorbild sein kann. Laura hatte einen Traum, den sie realisieren wollte, und setzte sich gegen alle Widerstände durch. Toll! Laura ist nun 17 und könnte bei Managementseminaren Motivationspräsentationen machen.
Wenn ich mir im Nachhinein (klar, im Nachhinein: wenn man alles besser weiß) den Medienrummel im Vorfeld von Lauras Reise vor Augen führe, die Fotos von ihrer Abfahrt, die Fotografen und Filmleute, die sie umringen, die Mikrophone, die diesem kleinen Mädchen vor den Mund gehalten werden - da wird es einem schon klar, dass das nicht irgendeine Dreizehnjährige oder Vierzehnjährige war, die so dahin gesagt hat, dass sie um die Welt segeln will, sondern eine junge Frau, die schon in dieser Phase zur Genüge rüberbrachte, dass es ihr Ernst ist, dass man mit ihr rechnen muss, dass sie sich von Hindernissen nicht aufhalten lässt, und dass sie es schaffen kann. Und das haben ihr offenbar sehr viele schon damals abgenommen.
Ihre Fahrt war nicht als Weltrekordfahrt geplant, allerdings war es für sie schon ein Antrieb, die jüngste Einhand-Weltumseglerin zu werden. Im Gegensatz zu Jennifer Watson, mit der sie oft verglichen wird, die offenbar von der Welt nichts sehen wollte und eine Nonstop-Fahrt durchzog, hat Laura Dekker viele Zwischenstationen gemacht, hat sofort überall Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen, auf Ausflügen mitgemacht, hat jederzeit Einladungen zu Essen auf anderen Yachten angenommen, keine Scheu gehabt, sich mit Vorträgen und Präsentationen Geld nebenher zu verdienen, und hat letztlich immer nur bewundernde Urteile von Menschen bekommen, die sie unterwegs getroffen haben. Es ist nicht sonderlich schwierig, die Blogs anderer Segler zu finden, die Laura unterwegs kennengelernt haben und tief beeindruckt waren.
Ab Dezember 2012 habe ich alle Blogs von Laura gesammelt, die Einträge sauber neu formatiert und chronologisch angeordnet, Interviews gelesen, Blogeinträge von anderen Weltreisenden gesammelt, die Laura unterwegs getroffen haben usw usf - und war begeistert: Diese junge Frau war und ist ganz nach meinen Geschmack. Klar, da war auch eine gewisse Mediengeilheit des Vaters oder der Familie (jedenfalls anfangs), da waren Sponsor-Interessen, da waren bei vielen Beteiligten Dollar- oder Eurozeichen in den Augen zu sehen - aber Lauras Verhalten war immer wieder erratisch und unberechenbar, von Lust und Interesse und Neugier und Freiheitsdrang bestimmt, nicht auf das schnelle Geld gerichtet. Deshalb sprangen immer wieder Sponsoren ab, und das angekündigte und schon lange beworbene Buch über ihre Fahrt ist immer noch nicht fertig.
Und Laura ist nicht in ihre "Heimat" zurückgekehrt, in den Schoß einer nicht existenten heilen Familie, sondern nach erfolgter Weltumseglung locker weiter in der Karibik rumgeschippert, diesmal mit einem Freund, wieder durch den Panamakanal in den Pazifik, wieder lange in Französisch-Polynesien unterwegs gewesen und im September 2012 dann nach Neuseeland gesegelt, um ihr Geburtsland zu ihrer nächsten (temporären?) Heimat zu machen. Der nicht seefeste Lover ist inzwischen natürlich auch Geschichte.
Immer wieder bekommt sie Einladungen zu Auszeichnungen und Ehrungen, und Laura fliegt nach Tokyo, nach Deutschland, auf die Kanaren, nach New York, besucht ihr Vorbild Tania Aebi in Vermont, tritt in berühmten Fernsehshows auf - und bleibt trotzdem unabhängig und unberechenbar. Es ist nicht an den Haaren herbeigezogen, zwischen Casanovas Leben und Lauras Leben gewisse Parallelen zu sehen. Nach zwei Monaten Beschäftigung mit Lauras Geschichte ist meine Begeisterung, mein Interesse noch nicht abgeflaut und ich schaue regelmäßig in ihrem Blog, was es neues gibt, was sie jetzt macht. Spannend das alles.
Klar, dass es auch Neider gibt, die es nicht glauben, dass Laura das tatsächlich alles allein geschafft hat. Da heißt es von Sesselhockern, die die Welt nur von ihren Laptopscreens zur Kenntnis nehmen, dass Laura nicht sonnenverbrannt genug ist (als ob man Farben am Bildschirm so gut beurteilen kann), dass Laura bei ihrer Ankunft in Sint Maarten nach der erfolgreichen Weltumseglung verdächtig locker und entspannt wirkte (als ob sie als Skelett und psychisch gestört von der Yacht hätte wanken sollen), dass es Filmaufnahmen von ihr während der Fahrt gibt (als ob es keine Selbstauslöser und automatischen Kameras gäbe) - man merkt einen Riesendruck, das Unternehmen von Laura klein zu reden oder ganz anzuzweifeln, mit einer unterdrückten oder offenen Aggressivität, der deutlich ein Selbstschutz anzumerken ist. Eine Sechzehnjährige, die nach einer 500-tägigen Weltreise entspannt und locker mit einer spürbaren innerlichen und äußerlichen Souveränität von ihrer Yacht springt, ist für den gemeinen Internetsurfer schon eine Provokation. Eine junge Frau kam da an, attraktiv, selbstbewusst, blendend aussehend, mit einer rassigen kurzen Jeans und engem Top, die es nicht nötig hat, mit Tatoos und Piercings auf sich aufmerksam zu machen, die nicht einmal Ohrringe trägt, der es reicht, jede Menge Stoffarmbänder zu tragen und statt einer Edel-Uhr eine Taucheruhr.
Ich bin gespannt, was sie als nächstes macht.
Leider ist (war?) Laura schon in die Hände von Managern gefallen, die aus ihr Gold schlagen woll(t)en und zum Beispiel Fotos oder Filmaufnahmen von ihrer Ankunft in Sint Maarten verbieten wollten. Hat zum Glück nicht so geklappt...
Jedenfalls fühle ich mich sicherer, hier KEINE Bilder von Laura zu zeigen. Es gibt genug im Internet zu finden.
08.01.2013
Neues Ölbild "Soldaten und andere". Mit meinem neuen Bild fertig geworden:

"Soldaten und andere", 2013, Öl auf Hartfaser, 80cm x 60 cm
Mitte Dezember 2012 bis Anfang Januar 2013
Casanova, Geschichte meines Lebens, Band 1.

Giacomo Casanova (1725-1798), gemalt von Anton Raphael Mengs, um 1760
Ich habe das ganze Buch gelesen, umgerechnet etwa 600 Seiten. Das mache ich inzwischen nur noch dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich von der Lektüre einen Gewinn habe; blosser Spaß an der Lektüre reicht bei 600 Seiten nicht aus.
Was ist interessant am Buch, warum lohnt die Lektüre?
Zum einen wegen der Schilderung unterschiedlichster sozialer Schichten des 18. Jahrhunderts (Arme, Reiche, Klerus, Adel, ...). Das ist schon ein sehr buntes Panorama, was sich da auftut.
Dann natürlich Casanovas Charakter:
Seine enorme Unabhängigkeit, seine Fähigkeit, von jetzt auf nachher den Wohnort, das Land, das soziale Umfeld, den Beruf, die Frauen zu wechseln.
Nirgends, bei nichts und niemanden bleibt er hängen.
Er macht das nicht aus Langeweile, aus Gleichgültigkeit, sondern aus Neugier, aus Lust, er zieht Gewinn daraus.
Ein unglaubliches Selbstbewußtsein: Er weiß, dass er immer wieder auf den Füßen landet, deswegen kann er auch immer wieder neu anfangen, seine Komfortzone einfach mal wieder aufgeben. Er weiß, dass es überall Qellen der Lust und der Freude gibt.
Er hat auch keine Probleme damit, mal eine Zeitlang in einfachen Verhältnissen zu leben: Er arrangiert sich und findet meist auch da sein Vergnügen.
Abhängig von der Umgebung kann er auch ordinär werden (seine Zeit als Musiker).
An die Konsequenzen seiner Abenteuer denkt er nicht (uneheliche Kinder, "entehrte" Frauen).
Die fehlende dauerhafte Einbettung in einen sozialen Rahmen führt auf der anderen Seite dazu, dass sich Casanova mit 60 Jahren in Böhmen in eine kleine Bibliothekars-Stelle retten muss, wo er sich mit Gesinde um sein Essen balgen darf und wie ein lächerliches Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit wirkt (das ist schön im Fellini-Film zu sehen).
Schade, dass es in der Gutenberg-Ausgabe (Übersetzer: Heinrich Conrad, 1911) keine Anmerkungen gibt. Andererseits: Man kann den Text auch einfach so lesen. Richtig vermisst habe ich die Stellenkommentare nicht. Was bringt es, das Geburts- und Sterbedatum der vorkommenden Personen zu wissen? Das hat nicht einmal Casanova interessiert.
Es war der erste längere Text, den ich komplett auf dem Amazon Kindle gelesen habe. Ein gewisses Gefühl der Distanz blieb immer da: Der Impuls, schnell etwas anzustreichen, einen Kommentar einzufügen, der liess sich nicht ausleben (klar, auch auf dem Kindle sind Anmerkungen technisch möglich; allerdings derartig umständlich, dass sie faktisch doch nicht möglich sind).
Wie anders die vorangegangene Lektüre von Stifters "Witiko" als rtf-Datei auf dem Notebook: In die Datei konnte ich schnell eine Unmenge an Kommentaren eintragen und durch die bequeme Textsuche schnell bestimmte Passagen wiederfinden.
Aktuell überlege ich, ob ich die Vorlage meiner Kindle-Datei, also eine selbst-formatierte rtf-Version der Gutenberg-Dateien, noch einmal lesen soll, oder mir die neue Übersetzung von Sauter in der Albrechtschen Ausgabe besorgen soll.
Oder ob ich einfach mit dem zweiten Band weitermachen soll...
Zur Edition bei Gutenberg: Übersetzer Heinrich Conrad, Band 1, 1911
Zur Editionsgeschichte ganz brauchbar:
http://www.museumblumenstein.ch/files/casanova_geschichte_der_buchausgaben_seiner_memoiren.pdf
Netter älterer Text: http://www.zeit.de/1959/03/unter-den-bleidaechern-venedigs
13.12.2012
Vorbeiflug der chinesischen Sonde Chang’e-2 am Asteroiden Toutatis

Die chinesische Mondsonde wurde nach Beendigung der erfolgreich absolvierten Primärmission auf eine Bahn gelenkt, die früh den Verdacht erweckte, dass ein Rendezvous mit dem Asteroiden Toutatis beabsichtigt sein könnte. Andere Länder, andere Pressepolitik. Entgegen einiger Unkenrufe und dem mangelnden Zutrauen an die chinesischen Techniker wurde die ungeplante Missionserweiterung ein voller Erfolg. Schon die ersten verfügbaren Pressebilder zeigen detailreiche Nahaufnahmen, und bessere sind noch zu erwarten. Mit China ist nun ein weiteres Land zum elitären Club der Länder hinzugestossen, die in der Lage sind, interplanetare Missionen durchzuführen.
Länge des Asteroiden nach Radarmessungen: 4,6 km.
13.12.2012
Ausstellung "Camille Corot. Natur und Traum" in Karlsruhe.

Der Flyer spricht von einem "überraschend aktuellen Werk" - unser beider Eindruck war ganz anders: Corots Frühwerk während seiner Studien- und Wanderjahre (Frankreich, Italien) wirkt durchaus noch frisch und ansehbar. Fast alles, was danach kommt, wirkt angestaubt, kitschig, ist Kunst für Neureiche. Eine Ausnahme ist die hübsche nackte Dame, die allerdings auch nicht ohne antiken Firlefanz bestehen kann (oder von Corot gemalt werden kann).
11.12.2012
"Soldaten" (Arbeitstitel), aktueller Stand
Das Postenhäuschen heute farbig gemacht, um einen kleinen Kontrast zur sonst eher tristen Stimmung des Bildes zu erzeugen. Auch war es nötig, es (scheinbar) auf einen kleinen Hügel zu plazieren. Das Bild wird noch einige Abende brauchen, also erst 2013 fertig werden.
06.12.2012
Region Rhein/Neckar/Main bei Nacht
Ich habe nach vielen Jahren wieder begonnen, visuell Sterne zu beobachten - auch mein visuelles Veränderlichenprogramm wächst weiter. So liegt es nahe, für manche Beobachtungen ins Umland zu fahren, um einen dunklen Nachthimmel zu haben. Bisher war meine beste Karte der Nachthimmelhelligkeit in meiner Region die folgende:

Auf dieser Karte war immerhin zu sehen, dass der nahe Odenwald in nordöstlicher Richtung vergleichsweise sehr gute Beobachtungsbedingungen bieten sollte. Ich hatte auch schon einige Kandidaten bei Eiterbach in der Vorauswahl.
Heute fand ich aktuelle und sehr detailreiche Nachtaufnahmen des Satelliten Suomi NPP VIIRS, die in voller Auflösung heruntergeladen werden können - jede Region ist dann 13500x13500 pixel groß. Aus der Region Europa und Vorderasien habe ich mir die hiesige Region genauer angesehen:

Das Ergebnis ist das gleiche: Der nahe Odenwald ist von Heidelberg aus eine gute Möglichkeit, einen dunklen Nachthimmel zu erleben. Die ausgezeichnete Auflösung ermöglicht die Identifikation auch kleinerer Ortschaften. Und: Es gibt dunklere Orte als Eiterbach: Südlich von Finkenbach scheint es noch besser zu sein. Hier diese Gegend im Detail:
19.11.2012
Meeresspiegelanstieg

Image credit: NASA/JPL-Caltech/CNES
Da ich gerade (u.a.) ein Geologie-Buch (Jan Zalasiewicz "The Earth After Us") lese, welches sich auch lang über die stark wechselnde Höhe des Meeresspiegels in geologischen Zeiträumen auslässt, ist es passend, diese aktuelle Messung zu finden: Auf den Millimeter genau kann man heute den jährlichen Meeresspiegelanstieg messen. 3,2 mm sind es pro Jahr, gegenwärtig. Klingt nicht viel - aber in 100 Jahren sind das 32 cm - Städte wie Venedig spüren das. In 1000 Jahren sind das über 3 Meter - das kitzelt nicht nur Städte, das verheert ganze Länder.
10.02.2012
Schauspiel "Kunst" von Yasmina Reza im Theaterkino Heidelberg. Das 1994 uraufgeführte Stück "Kunst" der Französin Yasmina Levy ist nicht ohne Grund ein Welterfolg geworden. Das Stück um eine Männerfreundschaft, die wegen einem weißen Bild auf die Probe gestellt wird, ist so humorvoll wie eigentlich auch ernst. Man lacht Tränen, erkennt aber viele Verhaltensweisen der einzelnen Protagonisten wieder und kann darüber nachdenken - muss aber nicht...
Ein gelungener Theaterabend und ein gelungener Einstand der drei neuen Schauspieler im Heidelberger Ensemble (Stefan Reck, Olaf Weißenberg und Steffen Gangloff), und auch der Regisseur Thomas Goritzki hat sich dem Heidelberger Publikum empfohlen.
04.02.2012
Komet Garradd (C/2009 P1) begegnet M 92. Die enge Begegnung vom Kometen Garrad und dem Kugelsternhaufen M 92 stand schon seit dem letzten Herbst auf meinem Beobachungsprogramm. Heute morgen war es zwar kalt (-8,6 C), aber beim ersten Weckerklingeln stand ich sofort auf und machte mich an eine Aufnahmeserie. 22 Aufnahmen à 5 Sekunden mit dem Objektiv 1,4/50 ergaben eine genügend belichtete Summenaufnahme, auf der der Komet leicht sichtbar war. Zugleich bekam ich endlich mal wieder zwei weitere Objekte für mein Messier-Projekt, nämlich M 13 und M 92.

Komet Garradd (C/2009 P1) und der Kugelsternhaufen M 92
Aufnahmedaten: 04.02.2012, 5h12UT, 22x5 Sekunden mit 1,4/50, EOS450D
Gesichtsfeld: 1 Pixel entspricht 20,64", Norden ist oben.
27.01.2012
"Gadjo Dilo" - Film von Tony Gatlif. Tony Gatlif scheint zur Zeit mein Lieblings-Regisseur zu sein: An seinen Filmen kann ich mich nicht satt sehen. "Gadjo Dilo" (=Verrückter Fremder) handelt von Stephane, einem jungen Franzosen (genauer: Pariser), der zu Fuß und per Anhalter mit wenig Gepäck durch Rumänien reist, um eine Zigeunersängerin zu finden, deren Lieder sein Vater kurz vor seinem Tod ständig gehört hat. Er lernt einen alten Zigeuner kennen, und im Zigeunerdorf, wo er nur kurz bleiben will, aber letztlich Monate verbringt, auch eine wunderschöne junge Frau, die schon einiges erlebt hat. Wie Stephane die anfängliche Ablehnung durch die Zigeuner überwinden kann und immer mehr Gewohnheiten (Wodka trinken, rauchen, spucken, anderes Zeitgefühl) annimmt, das ist schon sehr schön beschrieben. Die Ablehnung der Zigeuner durch die "normalen" Rumänen, die pogromartige Stimmung, die blitzartig aufkommen kann, die Unmöglichkeit für Zigeuner, sich ärztlich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen, alle diese kleinen und großen Details lassen keine "Zigeuner-Romantik" aufkommen. Die Zigeuner werden zwar liebevoll, aber durchaus auch kritisch gezeichnet. Wunderbar die Kleidung und der Schmuck der Frauen - ich mag das einfach.
Kurz sieht man, dass - wie in Gatlifs Film "Swing" - eine Zigeunerin einem Aussenseiter über die Geschichte und soziale Lage der Zigeuner berichtet - Sabina diktiert Stephane geradezu die politischen Zusammenhänge in die Feder.
Warum Stephane sich auf die Reise gemacht hat, was ihm sein Vater denn eigentlich bedeutet hat (ausser, dass er eine Art Nomade war, der in Syrien starb), was er sich vom Treffen mit der ominösen Sängerin Nora Luca verspricht, warum er monatelang von Frankreich wegbleiben kann - darüber muss man sich selber Gedanken machen.
Sehenswert sind die Interviews auf der DVD: Rona Hafner ist im wirklichen Leben fast so lebendig wie im Film, und manche Sätze von Tony Gatlif (zum Beispiel über die Wahnsinns-Aggression, die in den osteuropäischen Ländern in der Luft liegt) bleiben haften. Eher amüsant die Anmerkung, dass der Film entgegen aller Usancen in der korrekten Chronologie gedreht werden musste, weil es Izidor (der alte Zigeuner, der sich selbst spielt), sonst nicht verstanden hätte.
Zuguterletzt: Die Musik ist super!
Eine schöne Filmkritik
hat Jennifer Reker geschrieben. Eine tiefschürfendere Analyse gibt es von Louis Proyect, einem Programmierer und bekennenden Marxisten an einer amerikanischen Universität, der unglaublich viel schreibt...

Zigeunerinnen machen sich über Stephane lustig. Links vorne Sabina.

Sabina und Stephane auf einer typischen Landstraße.

Sabina beim Tanzen.
26.01.2012
Vladimir Nabokov, "Lolita". Obwohl ich seit nun 16 Jahren die dem Autor Vladimir Nabokov gewidmete Nummer 6/1996 der Zeitschrift für Kultur "du" habe (und auch gelesen habe), hielt sich der Wunsch, Nabokov zu lesen, doch sehr im Hintergrund. Nun habe ich mich überreden lassen, "Lolita" zu lesen. Es hat sich insofern gelohnt, als sich meine von Grund auf falschen Vorstellungen vom Inhalt geändert haben, allerdings würde ich das Buch auch jetzt noch nicht für eines der Hauptwerke des zwanzigsten Jahrhunderts halten (auch wenn es - vom Titel her - eines der bekanntesten Werke ist).
Ich stellte mir Lolita immer als frühreife verführerische kleine Göre vor, und dieses Thema fand ich etwas zu langweilig. Tatsächlich aber handelt es sich (für mich) zur Hauptsache um das Psychogramm eines schwer gestörten Mannes, der offenbar mehr oder wenig erfolgreich über Literatur schreibt und doziert, aber ansonsten nur aus einer einzigen Leidenschaft besteht: Der zu "Nymphchen". Mit unglaublicher Gefühlslosigkeit beschreibt er andere Menschen, plant den Mord an der Mutter von Lolita (und nach dem tödlichen Verkehrsunfall der Mutter empfindet er nur Befriedigung). Unglaublich abweisend ist er zu anderen Kontakten, seine Schilderung seiner ersten Ehe, seine Beschreibungen von erwachsenen Frauen triefen vor Ekel. Lolita mag eine Art Spiel versucht haben, ist aber dann nur noch ein eingesperrtes und überwachtes Objekt der Begierde, das von "Humbert Humbert" dreimal am Tag bestiegen wird. Dass sie es am Ende trotz allem materiellen Elend ablehnt, nach ihrer Flucht wieder zu Humbert Humbert zurückzukommen, spricht Bände. Reichlich unwahrscheinlich finde ich das Verhalten und die geschickte Flucht von Lolita angesichts ihres Alters von anfangs 12, am Ende 14 Jahren.
Auffallend ist die recht genaue Chronologie des Romans:
Humbert Humbert ist 1910 geboren und 1947, als er Lolita kennenlernt, 37 Jahre alt - also eigentlich noch jung...
Lolita ist am 1.1.1935 geboren und zu Beginn der Bekanntschaft mit Humbert Humbert 12,5 Jahre alt.
Am 6.8.1947 kommt seine Frau (Lolitas Mutter) bei einem Verkehrsunfall um.
Am 14.8.1947 holt er Lolita aus dem Feriencamp ab und die erste lange Fahrt durch Amerika beginnt.
Im August 1948 lassen sie sich in Beardsley nieder, wo Lolita weiter zur Schule geht. Lolita ist jetzt 13.
Am 29.5.1949 beginnt die zweite Amerikatour - Lolita hat vorher heimlich ihre Flucht geplant. Sie ist jetzt 14 Jahre alt.
Am 5.7.1949 gelingt Lolita mit Unterstützung von Quilty die Flucht. Lolita ist jetzt 14 Jahre alt. Vergebliche Suche durch Humbert Humbert.
Am 22.9.1952 bekommt Humbert Humbert einen Brief der siebzehnjährigen Lolita, in der sie schreibt, dass sie verheiratet und schwanger ist und um Geld bittet. Sie verrät im und mit dem Brief ihren Aufenthaltsort. Humbert Humbert fährt hin, wird aber abgewiesen.
Am 25.9.1952 sucht Humbert Humbert den "Fluchthelfer" Quilty auf und ermordet ihn.
Im Gefängnis (noch vor der Verhandlung) schreibt Humbert Humbert seinen Bericht "Lolita".
Am 16.11.1952 stirbt Humbert Humbert an Koronarthrombose (gerade einmal 42 Jahre alt).
Am 25.12.1952 stirbt Lolita, im Kindbett nach einer Totgeburt, eine Woche vor ihrem 18.Geburtstag.
Nun ja...
Dieter E. Zimmer,
Herausgeber der Nabokov-Werkausgabe bei Rowohlt,
hat eine sehr umfangreiche Webseite zu "Lolita", darunter auch eine ausführliche
Chronologie des Romangeschehens.
Wer's braucht findet dort auch die Recherche der Reiserouten mit vielen Bildern.
Die englische Wikipedia ist ungleich umfangreicher beim
Eintrag zu "Lolita" und ein "must read" für Interessierte.
25.01.2012
Kleinplanet (433) Eros in Erdnähe. Der 1898 an der Berliner Urania-Sternwarte entdeckte Kleinplanet (433) Eros ist aus zwei Gründen historisch bedeutsam:
- Alle paar Jahrzehnte kommt es zu einer sehr günstigen Opposition von Eros, bei der es möglich ist, seine Entfernung trigonometrisch sehr genau zu bestimmen. Mit dieser Methode wurde 1931 die bis 1968 beste Bestimmung der Astronomischen Einheit vorgenommen - Eros war also die Grundlage für alle astronomischen Entfernungsbestimmungen überhaupt. Eine Beobachtungskampagne möchte dieses historische Experiment 2012 wiederholen. Die diesjährige Opposition von Eros ist die beste seit 1975; erst 2056 wird Eros eine noch günstigere Opposition haben als 2012.
- Im Jahr 2000 erreichte die US-Raumsonde NEAR den Kleinplaneten, führte aus einer Umlaufbahn heraus eine intensive Fernerkundung durch und landete im Folgejahr, am 12.02.2001, auch noch weich auf dem Asteroiden, obwohl sie dafür gar nicht ausgelegt war. Ich habe diese Mission damals intensiv mitverfolgt - insbesondere die Phase des Herantastens und der Landung war eine spannende Zeit.
Die Raumsonde NEAR und ihr Landeplatz auf Eros (NASA/JHUAPL).
Weitere Infos auf der NEAR-Homepage.
Beobachtung von Eros:
Zwei Aufnahmeserien aus jeweils 10 Aufnahmen à 5 Sekunden Belichtungszeit im Abstand von 19 Minuten zeigen schon deutlich die Bewegung des Asteroiden bei seiner diesjährigen günstigen Annäherung an die Erde. Wie üblich habe ich dafür die Canon EOS 450D mit einem 1,4/50-Objektiv verwendet. Leider war das Objektiv für die erste Serie nicht optimal scharf gestellt. Die schnelle Bewegung von Eros bringt ihn in den nächsten Wochen in südliche Deklinationen, damit werden die Beobachtungsbedingungen entsprechend ungünstiger.

Kleinplanet (433) Eros am 25.1.2012, 22h40 UT und 22h59 UT
Norden ist oben. 1 pixel entspricht 20,64" (Maßstab 1:1).
16.01.2012
Film "Ziemlich beste Freunde", Regie Eric Toledano und Olivier Nakache. Hübsche Komödie, ein Gag folgt dem andern. Voller Kinosaal, glückliche Gesichter. Welche Frau mag nicht diesen Lebenskünstler, welcher zartbesaitete Student wäre nicht manchmal gerne so wie Driss, der alles kann, sich überall zurechtfindet, Arbeitsamtangestellte um die Finger wickelt, Falschparker vor der Ausfahrt so angeht, wie es ein MANN macht usw usf. Man lacht Tränen, aber irgendwie ist es das auch. Bei allen Unterschieden hat mich der Film an "Speed" erinnert, bei dem es für den Zuschauer auch keinen ruhigen Moment gab und man ganz im Geschehen aufging.
15.01.2012
Film "Der atmende Gott. Reise zum Ursprung des modernen Yoga". Ein schöner und ruhiger Film, der zum Glück nicht mystifizierend die Werbetrommel für Yoga rührt, sondern bestrebt ist, den Ursprüngen des modernen Yoga nachzuforschen. Fünf Jahre lang hat Jan Schmidt-Garre an dem Film gearbeitet, 13 Reisen nach Indien waren nötig, aber es gelang Schmidt-Garre, zwei der wichtigsten Schüler vom Begründer des modernen Yoga, von Tirumala Krishnamacharya, in langen Gesprächen und bei ihrem Unterricht vorzustellen.
Tirumala Krishnamacharya (1888 bis 1989) war ein sehr strenger Vater und ein sehr strenger Lehrer. Seine Ohrfeigen waren berühmt und berüchtigt. Die Kinder wuchsen letztlich auf wie die Kinder irgendeiner beliebigen Akrobatenfamilie, bei der die körperlichen Fähigkeiten dem Lebensunterhalt dienen. Der Maharadscha, bei dem Krishnamacharya dann unterkam, sah in den Körpertechniken durchaus hellsichtig ein Mittel, seine Armee fitter zu machen. Es gibt natürlich(...!) einen Überbau und den obligaten Verweis auf heilige alte Schriften.
Es ist manchmal schwer, bei diesem Thema das gut gemeinte vom schlecht gelebten zu trennen. Die beiden Hauptschüler von Krishnamacharya wirken schon sehr verschieden: Der kauzige aber irgendwie symphathische(re) Iyengar ist kaum zu vergleichen mit dem goldbehängten Pattabhi Jois, der mit seinem Goldschmuck an der Cote d`Azur jedem reichen Ausbeuter das Wasser reichen könnte.
Leider kann man Filme dieser Art nicht mehr ganz unvoreingenommen sehen, wenn man Vertreter des Geschäftsmodells "indische Mystik für reiche Europäer und Amerikaner" vor Augen hat wie den guten
Maharishi Mahesh Yogi, der die Beatles um die Finger wickelte und zu einem der reichsten religiösen Führer wurde,
und dem unvergessenen
Bhagwan Shree Rajneesh, der das Geschäftsmodell perfektionierte (Geld und dicke Autos allein tun's nicht, viele schöne Frauen müssen dabei sein).

Die beiden Hauptschüler: B.K.S. Iyengar und Pattabhi Jois
10.01.2012
"Ekstase" - sechster Maltermin am neuen Ölbild. Jetzt halte ich das Bild für fertig.

"Ekstase", 2012, Öl auf Hartfaser, 80cm x 60cm.
07.01.2012
Georges I. Gurdjieff und Thomas de Hartmann - Seekers of the Truth (Complete Piano Music, Vol I.,
Cecil Lytle am Piano). Nachdem ich diese CD nun mehrfach durchgehört habe, geht der Daumen eindeutig nach unten. Mag sein, dass
aus dem Material von Gurdjieff/de Hartmann nicht viel zu machen ist, aber etwas mehr geht doch,
das hat Herbert Henck
mit seiner Einspielung von 1981 bewiesen. Cecil Lytle agiert gleichermaßen langweilig wie schwülstig am Flügel, das betont einen
Aspekt der Kompositionen, der ganz klar auch vorhanden ist: Herbert Henck andererseits macht aus dem Material etwas, was
man immer wieder gerne anhören mag, jedenfalls in gewissen Abständen. Cecil Lytle bietet Gurdjieff/de Hartmann zum Abgewöhnen, Henck bietet Gurdjieff/de Hartmann zum Gernhören. Vergleiche auch meinen Eintrag zum 4.1.2011.
Silvestre Amadeo Flores (1932-2011). Vor einigen Wochen, am 17.12.2011, starb Silvestre Amadeo Flores,
ein begnadeter Tejano-Musiker und Akkordeonist. Er führte einen Akkordeon-Reparatur-Laden und hatte einen
Ruf als exzellenter Akkordeonstimmer. Mehrere Beispiele seiner in die Beine gehenden Musik sind in zwei
hörenswerten Youtube-Videos zusammengestellt. Das erste bringt ein Medley von
Amadeo Flores Y Su Conjunto Ideal,
das zweite die Titel "Skokie" und "Una Miradita"
von der gleichen Gruppe, beide Aufnahmen sind aus den fünfziger Jahren. Das Foto zeigt (von links nach rechts) Amadeo Flores, Joe Vlillareal, Joe Garcia und Rodolfo Leal
06.01.2012
Turngala 2012. SAP-Arena. Mit Turnen konnte ich noch nie viel anfangen, aber der Abend bot eine Mischung aus Turnen, Akrobatik und Show-Einlagen und war dadurch doch kurzweilig. Das Motto "Leidenschaft pur" war völlig daneben: Turnen und Akrobatik hat mit harter Arbeit und vielen Proben zu tun, am Ende soll es locker und leicht aussehen. Aber "Leidenschaft", "Emotion"...?
Immer wieder ist es schön zu sehen, wie anders Jugendliche und Kinder sich bewegen können, wenn sie Sport machen. Was wird den armen Kindern nur angetan, die nicht darin gefördert und ermuntert werden, irgendeinen Sport zu machen!
Richtig gut war auch Christoph Engels als Komiker mit roten Haaren, der das Publikum in mehreren Einlagen ordentlich im Griff hatte und eine immer wieder willkommene Abwechslung zum leider etwas drögen Moderator Michael Branik war.
Wir hatten sog. "VIP-Karten" (ich hasse dieses Marketing-Wort), hatten also einige Vorteile, u.a. ein sehr gutes Buffet und Getränke inclusive. Auch die Sitzplätze waren in Ordnung: Etwas weit weg vom Geschehen, aber gute Sicht.
05.01.2012
Heidelberger Weihnachtszirkus (= "Circus Henry Renz").
Auch wenn dieser Zirkus etwas spartanisch daherkommt (keine
Moderierung, keine Live-Musik, wenig "Zirkuswelt" in der Pause), so
war die Vorstellung doch gelungen und einige tolle Akrobaten dabei.
03.01.2012
Le Tendre, Mallié, Loisel - "Grauwolf". Der langerwartete Comic "Grauwolf"
(Band 7 aus der Reihe "Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit") ist angekommen.
Natürlich gleich am Abend gelesen.
Mein Eindruck ist leider zwiespältig. Die Qualität ist immer noch
überdurchschnittlich, erreicht aber bei weitem nicht mehr die frühere
Klasse (vor allem nicht die Qualität der Bände 1-4). Die Zeichnungen
wirken gegenüber früher einfacher, detailärmer, eine Lupe braucht man kaum noch.
Die gezeigten Milieus sind zu sauber, der Dschungel wirkt wie ein Park.
Die Story ist dünn und lässt sich schnell zusammenfassen.
Die Charakteristik der Figuren ist flach - vor allem von der Figur des
Grauwolfs hätte ich mehr erwartet. Bragon wirkt etwas tumb und
unvorsichtig, manchmal wie ein Träumer - und das im Dschungel. Sein
Herzausschütten wegen seiner Mara wirkt reichlich unpassend für
jemanden, der Schüler von Grauwolf und Ritter werden will. Manche
Szenen erscheinen zu brutal - diese kalte Brutalität war den früheren
Bänden noch fremd.
Im Unterschied zu den früheren Bänden fehlen die Szenen mit Frauen -
die wenigen Seiten mit Mara erscheinen gesucht
(Alibiszenen, um überhaupt eine Verbindung mit dem Zyklus herzustellen)
und stehen in keinerlei Zusammenhang mit der Handlung, haben auch für sich wenig Sinn und
hätten länger sein sollen.
Es wäre schade um die Serie, wenn die Qualität so offensichtlich nachlässt.
Die zweite und dritte Lektüre von "Grauwolf" in den nächsten Tagen bestärkte leider meinen ersten Eindruck.
01.01.2012
Neujahrskonzert mit den "Pifferari di Santo Spirito" (Providenzkirche). Im Grunde ein Familienensemble (Familie Friederich), erweitert um dem ehemaligen Heiliggeist-Kantor Peter Schumann. Ein Thema hatte die Veranstaltung nicht, deswegen lief sie auch unter dem (für Kurpfälzer verständlichen) Titel "Kä Thäma". Tolle Interpretationen bekannter Werke, bevorzugt wurde mit Blasinstrumenten gearbeitet, aber eben auch mit Schlagzeug oder Marimbaphon, und einmal wurde auch ein gelungener Steptanz aufgeführt.
Zum Journal von 2011
|